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Ein Finanzplatz wird „grün“

Die Regierung Liechtensteins unternimmt große Anstrengungen für den Klimaschutz und die Erhaltung der Natur. Im Mittelpunkt stehen hierbei die effiziente Nutzung von Energie und der Einsatz erneuerbarer Energiequellen. Künftig soll Nachhaltigkeit auch für den Finanzplatz Liechtenstein eine zentrale Rolle spielen.

Mit rund 5000 Beschäftigten im In- und Ausland gehören die Banken traditionell zu den wichtigsten
Branchen des Fürstentums Liechtenstein. Die Finanzinstitute verwalten Vermögen von mehr als 350 Milliarden Euro. Das Kreditgewerbe trägt rund ein Viertel zum Sozialprodukt des Fürstentums bei; es steht für ungefähr 40 Prozent der Steuereinnahmen.

Im März 2021 verabschiedeten die Banken einen gemeinsamen Masterplan für die strategische Neuausrichtung, die Roadmap 2025, die unter dem Motto „Wachstum durch Innovation und Nachhaltigkeit“ steht. Sie bildet die Fortsetzung zweier ähnlicher Initiativen, die in den vergangenen Jahren beschlossen wurden. Die erste Roadmap 2015 wurde kurz nach Ausbruch der Finanzkrise verkündet; sie hatte die Modernisierung des Finanzplatzes zum Thema. „Liechtenstein und seine Banken haben sich darin zu einer konsequenten Einhaltung der internationalen Standards und einer entsprechenden ‚Zero-Tolerance Policy‘ bekannt“, erläutert Hans-Werner Gassner, Präsident des Liechtensteinischen Bankenverbandes (LBV). Korruption, Geldwäsche und Steuerhinterziehung
werden in Liechtenstein heute ebenso wenig geduldet wie an anderen westlichen Finanzplätzen.

Diese Reform bildete das Fundament für eine tiefgreifende Neupositionierung der Finanzindustrie in Liechtenstein, die in zwei weiteren Initiativen festgelegt wurde. Die Roadmap 2020 setzte erstmals einen strategischen Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit. Im Frühjahr 2021 wurde die dritte Roadmap gestartet; die leitende Idee ist, dass wirtschaftliches Wachstum und ökologische Investments sich keineswegs ausschließen, sondern sich im Gegenteil gegenseitig bedingen.

Verantwortungsvoll investieren

Nachhaltigkeit ist für den Finanzplatz Liechtenstein im Grunde aber kein völlig neues Thema. „Wir beschäftigen uns damit seit mehr als zehn Jahren und haben bereits mehrere nachhaltige Fonds aufgelegt“, sagt Ursula Finsterwald von der LGT, dem größten Finanzinstitut des Landes. Auch
die Neue Bank bietet bereits seit mehreren Jahren nachhaltige Finanzprodukte an, die auf einem strengen, mehrstufigen Auswahlverfahren beruhen. Im September 2021 lancierte die VP Bank das Investmentangebot Sustainable Plus.

Angestoßen wurde die strategische Neuausrichtung der Banken in Liechtenstein nicht zuletzt durch die wachsende Nachfrage der Kunden. „Seit etwa fünf oder sechs Jahren erwarten die institutionellen Investoren zunehmend nachhaltige Finanzprodukte“, erläutert LBV-Geschäftsführer Simon Tribelhorn. Bei den wohlhabenden Privatanlegern wächst ebenfalls das Interesse an einer ökologischen und sozialen Vermögensanlage. Schließlich beobachten die Banken, dass nun auch in der breiten Privatkundschaft der Wunsch wächst, die Ersparnisse zum Nutzen von Klima, Natur und Gesellschaft anzulegen. „Eine Schlüsselrolle spielt hierbei die junge Generation“, sagt Tribelhorn.

Die Roadmap 2025 der Liechtensteiner Banken orientiert sich an den 17 nachhaltigen Entwicklungszielen, die 2015 von der Vollversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet wurden. „Wir haben ein sehr breites Verständnis von Nachhaltigkeit. Dem Klimaschutz kommt zwar die größte Bedeutung zu. Doch er ist nicht das einzige Ziel“, erläutert LBV-Geschäftsführer Tribelhorn.

FAST-Initiative lanciert

Eine große Rolle spielen ebenfalls soziale Ziele. So ist der Liechtensteinische Bankenverband beispielsweise der FAST-Initiative verbunden, die die Regierung Liechtensteins
lanciert hat. Das Kürzel steht für „Fight Against Slavery and Trafficking“, also die Bekämpfung von Sklaverei und Menschenschmuggel. Weltweit sind schätzungsweise 40 Millionen Menschen in staatlichen Arbeitslagern interniert oder werden auf andere Weise durch Zwangsarbeit ausgebeutet.
Das FAST-Projekt wird inzwischen ebenfalls von Australien, Norwegen und den Niederlanden getragen.

Mit ihrer strategischen Neu-Ausrichtung scheinen die Banken Liechtensteins gut gerüstet für den Green Deal, den die Europäische Union (EU) Ende 2019 angekündigt hat. Das umfassende Programm sieht unter anderem strenge Kriterien zur Bewertung von Finanzprodukten vor, die als nachhaltig oder sozial beworben werden. Die sogenannte Taxonomie, die die Nachhaltigkeitskriterien bis in feinste Details regeln wird, tritt voraussichtlich Mitte 2022 in Kraft.

Das geplante Regelwerk betrifft auch den Finanzplatz Liechtenstein. Das Land ist zwar nicht Mitglied der EU. Doch über den Europäischen Wirtschaftsraum ist das Fürstentum dem Gemeinsamen Markt angeschlossen. „Neben Asien, Großbritannien und der Schweiz ist die EU für uns einer der wichtigsten
Märkte“, sagt LGT-Nachhaltigkeitsexpertin Finsterwald. Liechtenstein werde deshalb alles daransetzen, um die neuen Anforderungen der EU an Banken, Fondsgesellschaften und Finanzprodukte zu erfüllen.
LBV-Präsident Gassner resümiert: „Die Banken in Liechtenstein stehen hinter der Roadmap 2025. Wir sind damit bestens aufgestellt, um Nachhaltigkeit zum Vorteil der Kunden und der Gesellschaft aktiv mitgestalten zu können.“

Schloss Vaduz, Liechtenstein

Neues Blockchain-Gesetz
Als erstes Land in Europa hat Liechtenstein ein Gesetz zur Regulierung der Blockchain eingeführt. Diese Software-Technologie erlaubt eine sichere, weitgehend vor Manipulation geschützte Übermittlung von Werten und Rechten jeder Art, von Aktien über Lizenzen bis zu Immobilien. Bekannt wurde die Blockchain vor allem durch die Kryptowährung Bitcoin, die freilich sehr intransparent ist
und daher leicht für Straftaten missbraucht werden kann. Der Blockchain Act, der am 1. Januar 2020 in Kraft trat, soll die Basis für eine vertrauenswürdige Nutzung der Blockchain schaffen.

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Der Beitrag "Ein Finanzplatz wird „grün“ erschien in der Ausgabe vom 13. Januar 2022 der Frankfurter Allgemeine Zeitung.

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